Interview mit:Beate Firlinger [befir]
JOURNALISMUS
 | Was ist Ihre Spezialität? Über welche Themen schreiben Sie? Ich arbeite zu unterschiedlichen Themen. Dabei interessieren mich vor allem Medienkompetenz, Social Web, Partizipation, gesellschaftliche und kulturelle Transformationsprozesse. |
 | In welchen Medien haben Sie bisher gearbeitet? Ich bin freie Journalistin und für verschiedene Medien tätig, zum Beispiel für die ORF-Sendung Radiokolleg auf Österreich 1. |
 | Gibt es eine Website, wo wir etwas von Ihnen lesen können? |
 | Was ist eine Nachricht? Eine Mitteilung, die die drei journalistischen N erfüllt: Nähe, Nutzen, Neues. Nachrichten können, müssen aber nicht zwangsläufig nur von JournalistInnen bzw. Medien verbreitet werden. So gibt es zum Beispiel auf Twitter immer wieder aktuelle Nachrichten von NutzerInnen, die für die Öffentlichkeit höchst relevant sind. Mit dem Social Web ist da eine wertvolle Ergänzung zu den klassischen Newsmedia entstanden. |
 | Was ist für Sie Objektivität? Ein Gebot, dass angestrebt, aber niemals absolut erreicht werden kann. Allein bei der Auswahl (Gatekeeping), Aufmachung und Bearbeitung von Themen bzw. Geschichten fließen subjektive Sichtweisen in die journalistische Arbeit ein, die eine nicht-objektive mediale Wirklichkeit konstruieren. Verstanden als Sachlichkeit ist journalistische Objektivität aber der professionelle Versuch, die Fakten gründlich zu recherchieren und die Informationen richtig, vollständig, fair, glaubwürdig und nachprüfbar wiederzugeben. Für mich persönlich heißt das, mich auch mit Positionen und Meinungen auseinanderzusetzen, die nicht meinen eigenen Vorstellungen enstprechen. Dies aber mit gewissen ethischen Grenzen, weil ich auch nur ein Mensch bin und eine Haltung habe und haben möchte. |
 | Wie lautet die beste Schlagzeile, den Sie je gelesen haben? Das kann ich nicht so genau sagen. Lustig fand ich die Sommerloch Meldung der Münsterschen Zeitung "Großer Blumenkübel zerstört", die dann zum Hot Topic avancierte. |
 | Wie lautet die Schlagzeile, die Sie eines Tages gerne einmal in den Zeitungen lesen würden? Jackpot geknackt! Wiener Journalistin Beate F. hatte sechs Richtige ... :) |
 | Welche Zeitung kaufen Sie sich sonntags? Wo lesen Sie diese? Wenn ich Zeit habe, alle am Sonntag in den Wiener Zeitungsständern erhältlichen, die ich dann am liebsten in der Küche beim Frühstückskaffee durchschaue ... |
 | Endet die Meinungsfreiheit dort, wo die Verlagsvorgabe anfängt? Da ich freiberuflich arbeite, bin ich damit kaum oder nur indirekt konfrontiert. Böse Zungen sagen aber, dass in manchen Medien der redaktionelle Teil nur dazu dient, ein attraktives Umfeld für die Anzeigen zu schaffen. Und umgekehrt ist auch bekannt, dass in manchen Medien nichts Kritisches über Werbekunden oder Eigentümer (in Österreich z. B. Raiffeisen) gesagt werden darf. Bei Qualitätsmedien - die es auch noch gibt - wird jedoch sehr wohl das Verlagswesen von der Redaktion ferngehalten und auf journalistische Unabhängigkeit geachtet. Und allgemein denke ich, dass die Meinungsfreiheit von der Meinungsvielfalt in der Blogosphäre und im Social Web profitiert. |
 | Geht langsam der Analyse- oder Recherche-Journalismus verloren? Jein. Früher war auch nicht alles besser. Für qualitätsvollen und investigativen Journalismus war es - zumindest in Österreich - nie ganz einfach. Allerdings hat sicher der Zeitdruck erheblich zugenommen, vor allem in den Online-Redaktionen fehlen oft die Ressourcen für eingehende Recherchen und Analysen. Das hängt auch mit der finanziellen Potenz der jeweiligen Medien zusammen, weil ja überall gespart wird. Generell stellt sich die Frage, welchen Journalismus will und kann sich eine Gesellschaft leisten und welche neuen Ideen gibt es, Qualität zu finanzieren. Da wäre auch politisch viel zu tun, um eine (nicht kommerzielle) Medienkultur abzusichern, zu fördern und weiter auszubauen. |
 | Wird jeder Mitbürger zum Korrespondenten, wenn er eine Kamera ans Telefon anschließt? Das hängt davon ab, was sich vor der Kamera abspielt. |
 | Wie erklären Sie sich den steigenden Erfolg der Klatschpresse? Ich wäre verleitet zu sagen, weil die Leute immer mehr verblöden. Aber das ist natürlich arrogant. Frei nach Karl Marx ist es vielleicht so: Die Klatschpresse ist - wie früher die Religion - Opium füs Volk. Eine Art Pseudopartizipation an einer Traumwelt, die von der individuellen und kollektiven Sinnleere ablenkt. |
 | Welche Einstellung haben Sie zu dem Recht der Prominenten auf Intimsphäre? Keine spezielle. Wie alle haben Promis ein Recht auf Intimsphäre. Das belegen auch mehrere Paparazzi-Urteile aus Medienprozessen der vergangenen Jahre. Ausnahmen: Dort, wo ein begündetes Interesse der Öffentlichkeit am Privatleben prominenter Personen besteht. Und da gibt es viele: Kirchenmänner, die Kinder missbrauchen, Finanzpolitiker, die Steuern hinterziehen und privat auf großem Fuß leben, und und und. |
 | Was können Sie uns über die Kunst des Interviews beibringen? Jedes Interview ist irgendwie eine kommunikative Gratwanderung: zwischen guter Vorbereitung und inhaltlicher Flexibilität, Zuhören und Nachhaken, Augenhöhe und das Gespräch in Griff haben, das Gegenüber nicht vorführen und kritisch intervenieren, Nähe und Distanz ... |
 | Bekannte Personen, die Sie schon einmal interviewt haben? Mein persönliches Highlight vor vielen Jahren: Laurie Anderson in einem Nobelhotel in Cannes zum Thema "Kunst und Interaktivität". |
 | Wird der Blog-Journalismus die Berufssparte revolutionieren? Er wird nicht, sondern tut es bereits, nicht unbedingt revolutionieren, aber
ergänzen, erweitern, vervielfältigen, interaktiver machen und vielleicht verbessern. |
 | Wird es irgendwann keine gedruckten Zeitungen mehr geben? Wahrscheinlich, wir lesen ja heute auch nicht mehr auf Steintafeln oder tippen in Schreibmaschinen. Allerdings wird das nicht so schnell sein. Ich glaube, dass uns die Printmedien (als redaktionelles Gefüge und inhaltliches Gefäß) längerfristig als ePapers erhalten bleiben werden. Das heißt, die Trägermedien werden digital und bestimmte Darstellungsformen wandeln sich, eine neue Spielart des Printjournalismus wird es aber auch künftig geben. |
 | Was halten Sie von den kostenlosen Zeitschriften, die in den Städten verteilt werden? Die Idee finde ich eigentlich gut, die Inhalte der österreichischen Gratiszeitungen aber teils gemeingefährlich. |
 | Welches Buch würden Sie gerne schreiben? Einen aufregenden Liebesroman, 2084 (Orwells Überwachungsstaat hundert Jahre später - von jetzt aus betrachtet), meine Memoiren. |
 | Hilft Ihnen ein Motto oder ein ethisches Prinzip im wirren Momenten, eine Entscheidung zu treffen? Ich habe keine wirren Momente, nicht dass ich mich erinnern könnte. |
 | Welchen Rat geben Sie jemandem, der frisch von der Uni kommt und einen Fuß im Journalismus fassen will? Sich einerseits für nichts zu gut zu sein, andererseits hartnäckig eigene Interessen und Ideen verfolgen. |
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1011 Besuche Whohub [befir] Beate Firlinger Wien
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