Auf die Gefahr hin, dass ich mir mit dieser Antwort keine Freunde mache: Wir wissen nicht, ob es diese Epidemie wirklich gibt. Wir wissen nur, dass viel mehr Depressionen behandelt werden als früher. Das ist aber gut mit besserer Ausbildung der Diagnostiker und mehr Aufklärung in der Bevölkerung erklärbar. Die nüchterne Wahrheit ist, dass wir es nicht wissen, ob die Zahlen zunehmen oder nicht. Ich möchte mich auch hüten vor einfachen Kausalketten. Ich wundere mich immer über die Aussagen, dass die Zeiten immer schieriger würden. Wenn ich an das Leben meiner Großeltern denke, drängt sich mir diese Sichtweise nicht gerade auf. Und sind wir doch mal ehrlich: Es ist ein bedeutender Markt rund um Burnout und rund um Psychopharmaka. Die eigentlich unbewiesene Behauptung, die Erkrankungen seien auf dem Vormarsch, ist also auch Marketing. Ich möchte sagen: Auch unsere Zeit hat ihre Herausforderungen und sie hat ihre Überforderungen. Ich kann mir gut vorstellen, dass es diese "wachsende Komplexität" gibt und ich sehe natürlich, dass sich am sozialen Gefüge einiges ändert. Ich kritisiere auch durchaus die Art und Weise, wie Menschen in Konzernen als Kapital entwürdigt werden. Aber ob das jetzt schlimmer ist, als nicht zu wissen, was und ob man morgen essen wird, oder ob die Kinder aus dem Krieg heimkommen usw., das weiß ich nicht. Ich möchte mich darauf konzentrieren, den Menschen die mit ihrem Leiden an unserer Zeit zu mir kommen, Unterstützung zu geben - und die Gesellschaftsanalysen anderen zu überlassen.   | | |
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