Interview mit:Gero Pflüger [geropflueger]
DESIGN
 | Worauf haben Sie sich spezialisiert? Begonnen habe ich als Feld-Wald-und-Wiesen-Grafiker in einem mittelständischen Verlag in Hannover. Dann ging ich zu einem großen deutschen Finanzdienstleister und übernahm dort bald die Führungsverantwortung für die angestellten Grafiker im Marketingbereich. Hier wurde ich zeitgleich zum Gralshüter des Corporate Designs, also des visuellen Unternehmensauftritts.
Besonders dieses Thema machte mir großen Spaß - ich wurde so eine Art Stilberater für das Unternehmen. Hier konnte ich mein ohnehin vorhandenes, allgemeines ästhetisches Empfinden mit neu erworbenem, grafischen Fachwissen kombinieren und für meinen Arbeitgeber und seine vielen Tochterunternehmen zum Einsatz bringen. Weil ich eng mit der Marketing- und Presseabteilung zusammenarbeitete, entwickelte ich mich zu einer Art Schwamm, der alles Wissen zu Corporate Design und Markenführung dessen ich habhaft werden konnte aufsog.
Nachdem ich mich selbstständig gemacht hatte, fokussierte ich mich sehr schnell auf kleine und mittlere Unternehmen in der Region Hannover. Diese Unternehmen sind das Rückgrat unserer Wirtschaft und Stütze der Gesellschaft - und optisch sieht dieses Rückgrat ganz, ganz fürchterlich aus. Jede Menge Beratungsbedarf gibt es hier. Darum arbeite ich mit diesen Unternehmern an der Verbesserung ihres Unternehmensauftritts. Zunächst entsteht durch intensive Gespräche zwischen einem Unternehmen und mir eine CD-Beratung, anschließend erfolgt die Entwicklung eines neuen, teilweise erstmaligen Corporate Designs, und anschließend wird es in die Praxis umgesetzt. Also: Druckstücke und Websites. Aber heute gehören auch viele PR-Maßnahmen dazu.
Mittlerweile ist meine Spezialisierung auch im Bildungsbereich gefragt: Ich bilde staatlich geprüfte gestaltungstechnische Assistenten an einer privaten Berufsfachschule aus. |
 | Warum haben Sie sich irgendwann für das Fach Design interessiert? Das ging schon früh los: in der Grundschule. Dort bastelte ich mit einem Klassenkameraden in der 3. Klasse meine erste Schülerzeitung zusammen. "Mischmasch" hieß die und erschien ein einziges Mal. In der 7. Klasse folgte dann die nächste Zeitschrift namens "Kompost", und ab meinem 16. oder 17. Lebensjahr arbeitete ich dann auch noch an einem politischen Jugendmagazin in meiner Heimatstadt mit. In allen drei Fällen war ich Autor, Illustrator und Layouter - irgendwie hat das meine Berufswahl bestimmt.
Die Ausbildung wollte ich in einer Werbeagentur machen - das ging aber nicht, weil Werbekaufmann Modeberuf war und sich die Leute um die wenigen Plätze schlugen. Also habe ich mich für den nahe verwandten Verlagskaufmann entschieden. In dem hannoverschen Zeitschriftenverlag, in dem ich dann eine Ausbildungsstelle bekam, bin ich nach drei Monaten in die Grafikabteilung hineinrotiert, aber im Gegensatz zu allen anderen Azubis nie wieder herausrotiert. Ich war mit XPress, Illustrator und Photoshop einfach zu gut, als dass man mich im Anzeigenverkauf oder der Abobetreuung versauern lassen wollte. De facto habe ich also eine Mediengestalter-Ausbildung genossen, die es damals aber noch gar nicht gab.
Das anschließende, eigentlich geplante Grafik-Design-Studium habe ich mir dann aus praktischen Erwägungen heraus geschenkt. |
 | Haben Sie Prämien für Ihre Designer-Arbeiten erhalten? Als angestellter Gestalter - und das war ich die meiste Zeit meines Berufslebens - gibt man die Rechte am Design an den Arbeitgeber ab, insofern hatte ich hier keine Chance, mich an Wettbewerben zu beteiligen. Allerdings hat die kreative Papierwahl bei einem Geschäftsbericht meines Arbeitgebers - wir wählten ein Papier aus geschredderten D-Mark-Scheinen - einmal zu einem zweiten Platz bei einem internen Wettbewerb des Papierherstellers geführt.
Seit ich selbstständig bin, habe ich zu Wettbewerben ein eher gespaltenes Verhältnis entwickelt. Zwar hätte ich nun die Möglichkeit, mich zu beteiligen, aber ich sehe gar keinen Sinn mehr darin. Ein Preis alleine nützt doch nichts: Wie viele hoch dekorierte Agenturen sind wohl schon pleite gegangen? Springer & Jacoby ist doch nur der jüngste Beweis dieses grandiosen Scheiterns. Nein, nein, ich kümmere mich lieber um meine Kunden - und nicht um Juroren. |
 | Was motiviert Sie zu Ihrem Beruf? Was bringt Sie dazu, mit Enthusiamus morgens aufzustehen? Was mich motiviert? Die Groupies! Die Champagnerduschen! Der Rock 'n' Roll! (lacht) Nein, im Ernst: So albern es klingen mag, ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht. Was kann es Schöneres geben? |
 | Wie definieren Sie Ihren Designer-Stil? Wenn ich etwas für einen Kunden mache: an die Bedürfnisse des Kunden angepasst. Alles andere ergibt keinen Sinn. Wenn ich für mich selbst etwas mache: klar und geradeaus, reduzierte Formen und Farbwahl, einheitliche Bildsprache, ruhige Typografie. |
 | Wie werben Sie für Ihre Arbeit? Wie verkaufen Sie Ihre Entwürfe? Als ich mich selbstständig machte, hatte ich schon ein bisschen Angst vor der Kundenakquise. Ein Telefon in die Hand zu nehmen und Leute zu bequatschen liegt mir nicht. Glücklicherweise habe ich das gar nicht großartig tun müssen - gut 80 Prozent meiner Neukunden kommen zu mir, weil sie von anderen Kunden oder meinen Kollegen zu mir geschickt werden. Und das macht mich schon ein bisschen stolz. |
 | Formen, Farbe, Konzept. Wo beginnen Sie mit dem Entwurf eines Designs? Meistens beginnt es in meinem Skizzenbuch, das ich laufend mit mir herumschleppe. Da male ich ständig drin herum, oft schon während ich mit dem Kunden rede. Das ist dann aber nur die Fixierung einer einzelnen Idee, die mir kommt - das ist noch lange kein Design. Das Design selber beginne ich erst nach gründlicher Analyse des Auftrags. Und zwar wieder mit einem Bleistift auf Papier. |
 | Welche Quellen haben Sie, um Dokumente zu sammeln und neue Ideen zu schaffen? In dieser Reihenfolge: den öffentlichen Raum, das Internet, Zeitschriften, Bücher, Fernsehen. |
 | Welche Dinge sehen Sie überhaupt nicht gerne an einem Design? Vollgeballerte Seiten mit schlechten Fotos und billigen Schriften. Und wo wir gerade bei Schriften sind: Designs mit der "Comic Sans" sind keine Designs. Sondern Machwerke. Wann man "Comic Sans" verwenden darf, erläutert dieses Diagramm: http://bit.ly/9VmZ6a |
 | Glauben Sie, dass die neuen Generationen besser sind auf dem Gebiet des Desings? Besser? Nein. Die meisten der neuen Designer werden ebenso wie die meisten der alten Designer vergessen werden. Einige werden eine Zeitlang in aller Munde sein und Hypes generieren - wie David Carson in den 1990ern -, andere reihen sich aber ein in die Galerie der Unsterblichen, wo sie dann neben Claude Garamond und Adrian Frutiger stehen. |
 | Für welche Art von Kunden würden Sie niemals arbeiten wollen? Extremisten und Fundamentalisten, gleich welcher Couleur. |
 | Wie kalkulieren Sie den Kostenvoranschlag für ein Designer-Projekt? Möglichst hoch und möglichst transparent.
Wieso hoch? Ganz einfach. Als ich mal mein Badezimmer sanieren ließ, da bekam ich von einem Anbieter einen Kostenvoranschläge über 7.000 Euro, was wirklich kostengünstig schien. Allerdings präsentierte man mir nachher eine Rechnung über satte 12.000 Euro - fast das Doppelte des Angebots! "Tja, wir sind halt auf ein paar Probleme gestoßen", war die lapidare Erklärung. So etwas soll meinen Kunden bei mir nicht passieren. Lieber veranschlage ich die Kosten so hoch, dass ich ordentlich Puffer habe und eine niedrigere Rechnung ausstellen kann.
Dass ich das so handhabe, sage ich auch meinen Kunden. Sie wissen dann von vornherein, dass das Angebot so etwas wie ein Maximalpreis ist. Außerdem rede ich offen über Handlingkosten, etwa beim Einkaufen von externen Dienstleistungen. Diese Transparenz wissen meine Kunden zu schätzen. |
 | Welche Software-Anwendungen verwenden Sie bevorzugt in Ihrer Arbeit? Zur Erledigung meiner Arbeit setze ich die Adobe Creative Suite ein, aktuell - es ist Anfang Juni 2010 - in der Version 5. Da bin ich immer up-to-date. Für Präsentationen bevorzuge ich Apple Keynote - zu Microsofts PowerPoint habe ich ein eher gespaltenes Verhältnis. Den Gründen dazu habe ich in meinem Blog auch einen Artikel gewidmet: http://www.kreativ-ackern.de/blog/2010/04/03/wieso-eigentl (...) |
 | Bis zu welchem Punkt spiegeln Ihre Design-Entwürfe Ihre Persönlichkeit wider? Design, das die Persönlichkeit widerspiegelt, ist Kunst. Ich hingegen kümmere mich um Gebrauchsgrafik. Hier will und muss ich im Sinne des Kunden arbeiten - künstlerische Selbstverwirklichung ist da vollkommen fehl am Platze. |
 | Wären Sie kein Designer - was würden Sie dann tun? Wenn ich irgendwann mal reich und berühmt bin, dann werde ich Geschichte studieren. Nicht, um einen Abschluss zu erwerben, sondern weil mich die deutsche Geschichte seit Jahrzehnten einfach unglaublich interessiert und mir Spaß macht. Damit ich die Geschichte unserer Kultur aber umfassend verstehen kann, würde ich ebenfalls Kurse in Politik, Theologie und Philosophie belegen wollen. Von den Anfängen der Zivilisation bis heute - eins baut auf dem anderen auf. Übrigens: Schon in der Bronzezeit wurden Logos verwendet - interessant für Designer! |
 | Sehen Sie sich in 20 Jahren immer noch als Designer arbeiten? In 20 Jahren bin ich knappe 60. Ich sehe keinen Grund, dann nicht mehr auf die eine oder andere Art gestalterisch tätig zu sein. |
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1108 Besuche Whohub [geropflueger] Gero Pflüger Hannover
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