Interview mit:Helga Koch [helgak22]
SCHREIBEN
 | Wie haben Sie angefangen, zu schreiben? Wer hat Ihre Texte damals gelesen? Bei der Einschulung wurde ich zunächst probeweise zugelassen, weil ich zwei Monate zu jung war. Dabei konnte ich bereits das gesamte Alphabet. Als der Lehrer da vorn mit dieser albernen Buchstabierei loslegte, bei der die Buchstaben nicht in voller Länge ausgesprochen wurden, also dieses "bh" oder "tsh" (kann ich in Lautschrift gar nicht wiedergeben) statt "Be" und "Ce" habe ich ihn innerlich ausgelacht. Gesagt habe ich natürlich nichts, er war ja eine Respektperson.
Meine Mutter fiel aus allen Wolken, als ich im Alter von fünf Jahren einen Absatz aus meinem Lieblingsvorlesebuch abgeschrieben hatte. Meine Tante meinte: "Du wirst mal Sekretärin, dann heiratest du deinen Chef und wirst Chefsekretärin."
Ihre Vorsehung sollte sich nicht ganz erfüllen. Ich wurde erst Chefsekretärin, dann verliebte ich mich in meinen Chef, aber da er schon verheiratet war, wurde es nichts mit einer Hochzeit.
Beim nächsten Mann auch nicht. Aber er faszinierte mich mit seinen Erzählungen, und eine der immer gleichen Geschichten schrieb ich schließlich mal auf und schmückte sie aus. Das machte mir Spaß. Dann begann ich, ehrenamtlich Pressetexte zu verfassen. Diese Texte hatten mit journalistischen Arbeiten wenig zu tun, aber sie wurden gern gelesen und ich wurde häufig darauf angesprochen. |
 | Welches Genre bevorzugen Sie? Haben Sie einen Link, auf dem wir etwas über Ihr neuestes Werk erfahren können? Ich liebe wahre Geschichten. So bin ich zum Biografieschreiben gekommen.
Eine meiner Lieblingsgeschichten aus der Biografie eines Pferdemenschen steht in meinem Blog: http://www.foto-biografien.de/blog/?p=251 |
 | Welche sind für Sie die Hauptzutaten einer guten Geschichte? Wahre Erlebnisse, die zu einem aussagekräftigen, nachdenklichen oder heiteren Schluss führen. Ich wünsche mir, dass der Leser sich nachhaltig an die Geschichte erinnert. |
 | In welchen Schuhen fühlen Sie sich wohl? Erste Person oder dritte Person? Eine Biografie ist stets authentisch, wenn sie in Ich-Form erscheint. Aber auch die dritte Person kann reizvoll sein, wie in meiner Beispiel-Geschichte zu lesen ist. Ich verwende beide Formen gern. |
 | Welche bekannten Schriftsteller bewundern Sie am meisten? Die Fantasie von Mark Twain macht mich komplett sprachlos. Von der sensiblen Sprache Erich Kästners bin ich begeistert. "Das Spiel des Engels" von Carlos Ruiz Zafón hole ich immer wieder vor und lese einfach nur ein paar Seiten.
Ich bewundere Marion Gräfin Dönhoff wegen ihrer pragmatischen Art, wie sie die ostpreußische Vergangenheit beschreibt. |
 | Was macht eine Person glaubhaft? Wie kreieren Sie Ihre Persönlichkeiten? Ich versetze mich in das Wesen der Person. Voraussetzung ist, dass sie mir sympathisch ist. Der Mensch, über den ich eine Biografie schreibe, muss mir gefallen und umgekehrt.
Wenn ich eine ausgedachte Kinderbuchgeschichte schreibe, stelle ich mir lebhaft vor, wie die Persönlichkeiten sind und rufe sie mir immer wieder in Erinnerung. So, als würde ich sie persönlich kennen, mit all den Macken und guten Seiten.
Sobald die Person in meinem Kopf lebendig ist, kann ich sie glaubhaft erscheinen lassen und seine Handlungen werden logisch. |
 | Sind Sie genauso gut darin, Geschichten mündlich zu überliefern? Nein, schriftlich gelingt das besser, denn ich kann beim Aufschreiben die Worte geordneter setzen. Beim mündlichen Erzählen fehlt mir der Atem. Ich denke immer, der Zuhörer hat nicht die Muße, um sich die ganze Geschichte so anzuhören, wie ich sie ihm näherbringen will. |
 | Für wen schreiben Sie in Ihrem tiefsten Inneren? Für mich. Nach jeder abgeschlossenen Geschichte bin ich zufrieden, erfüllt, kann mich auf eine neue Idee stürzen, während ich die geschriebene Geschichte noch wortwörtlich im Kopf habe. Wenn ich einen Tag nicht geschrieben habe, spüre ich eine Unruhe, eine Unzufriedenheit. Dann zögere ich das Zubettgehen hinaus, weil ich wenigstens noch denken möchte. |
 | Ist Schreiben eine persönliche Therapie? Sind interne Konflikte eine kreative Antriebskraft? Beim Schreiben erlebe ich etwas, was ein Anderer erlebt hat.
Wenn ich über Menschen schreibe, erlebe ich sie aus einer Draufsicht und bin in diesen Momenten nicht mit mir beschäftigt. Mich selbst kenne ich ja. |
 | Nutzt Ihnen der Feedback Ihrer Leser etwas? Ein Feedback bestätigt mich und die Art, wie ich schreibe. Dann weiß ich, dass es gut ist, dass es ankommt, was ich ausdrücken will.
Ich will gemocht werden, wie ich bin, und ich will so schreiben, wie ich bin. |
 | Präsentieren Sie sich bei Schriftsteller-Wettbewerben? Haben Sie schon einmal einen Preis gewonnen? Mein zweiter Platz mit einer Kurzgeschichte hat mich unglaublich beflügelt. Ich würde gern regelmäßig an Wettbewerben teilnehmen, doch ist die Suche danach sehr zeitaufwendig. Solche Sucharbeiten gehen von meiner Zeit ab, in der ich letzten Endes lieber kreativ bin. |
 | Zeigen Sie Ihre Manuskripte einer vertrauten Person, um ihre Meinung zu hören? Nein. Bei einer vertrauten Person setze ich voraus, dass sie ein Motiv hat, meine Geschichte zu lesen und sie zu kommentieren. So eine vertraute Person ist nicht da.
Wenn die Geschichte fertig ist, weiß ich, dass sie gut ist. Vorher ist sie einfach nicht fertig. Ich versetze mich beim allerletzten Überarbeiten in eine imaginäre Person und höre ihre Einwände. Wenn diese Einwände verstummt sind, ist die Geschichte komplett. |
 | Glauben Sie, Ihre "eigene Stimme" bereits gefunden zu haben, oder ist man ewig auf der Suche nach ihr? Ich glaube, ich bin meiner "eigenen Stimme" sehr nah. Vollkommen ist sie noch nicht, und es ist spannend, jeden einzelnen Fortschritt zu erleben und wahrzunehmen. |
 | Welche Disziplin erlegen Sie sich selber auf in Hinblick auf Ziele, Zeiten, in denen Sie schreiben, etc. Ich weiß, dass ich zu jeder Tageszeit schreiben kann. Deshalb ordne ich meinen Tag nach Prioritäten ein und überlege jeden Morgen neu, was wichtig ist. Wenn ich hier zugebe, dass ich mich von meinen To-Do-Listen häufig ablenken lasse, ist das dann eine Schwäche?
Zum Beispiel lasse ich mich gerade von diesem Interview ablenken, um das man mich gebeten hat. Das mache ich gern, deshalb stört es mich nicht im geringsten, dass meine Disziplin schwach ist.
Und wer mich immer stören und ablenken darf, ist mein verschmuster Kater. |
 | Was umgibt Sie in Ihrem Arbeitszimmer, um Ihre Konzentration zu erhöhen? Leise gleichmäßige Musik. Ansonsten Stille, Helligkeit am Tag, verschiedene akzentuierte Lichtquellen am Abend, Kerzenschein ist nicht notwendig, Blick auf Bilder und Fotos, freier Blick aus dem Fenster in den Garten. Wärme. |
 | Schreiben Sie auf dem Bildschirm, drucken Sie häufig Ihre Schriften aus, korrigieren Sie auf Papier...? Wie läuft der Prozess bei Ihnen ab? Ich schreibe am Laptop, drucke die erste Fassung erst nach mindestens 5 Überarbeitungen auf "Schmierpapier" aus. Dann lese ich das Manuskript laut. Dabei korrigiere ich auf dem Papier. Die Korrekturen gebe ich ein und drucke wieder aus. Bis zum fertigen Text habe ich durchschnittlich 4 Ausdrucke. Das kann variieren, denn es hängt auch von der Länge des Textes ab. |
 | An welchem Projekt arbeiten Sie momentan? An meinem Marketing. |
 | Was raten Sie mir, was ich mit all diesen Texten machen soll, die ich seit Jahren schreibe, aber noch nie jemandem gezeigt habe? Zeigen Sie sie mir. Dann kann ich einen ehrlichen Ratschlag geben. |
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