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Interview mit Roberto Sastre [robertosastre] - SCHREIBEN
 
 
 
 
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Interview mit:

Roberto Sastre [robertosastre] 


SCHREIBEN
Wie haben Sie angefangen, zu schreiben? Wer hat Ihre Texte damals gelesen?
In meiner Jugend habe ich Kurzgeschichten für SF-Fanzines geschrieben, später Fachtexte die ich in meinem Hauptberuf als Informatiker benötigte. Keine Ahnung, wer außer mir das gelesen hat. Dann passierte dieser Unfall, seitdem ich auf einen Rollstuhl angewiesen bin. In dieser Zeit hatte ich sehr viel Leerlauf. Mir gingen alle möglichen Gedanken durch den Kopf und ich begann, meine Geschichte aufzuschreiben. Erst habe ich es in einem Blog versucht, fand aber mit der mir zur Verfügung stehenden Software keine Möglichkeit für eine Darstellung, die mir gefiel. Also habe ich es im nächsten Schritt als Webseite veröffentlicht. Die gibt es sogar noch: http://laufenverlernt.schneiderszuhause.de Dann kam jemand auf die Idee, ein Buch daraus zu machen, "Wie ich das Laufen verlernte". Irgendwie habe ich den richtigen Ton getroffen, das Ding wurde nämlich zum Selbstläufer. Zuerst habe ich unter meinem bürgerlichen Namen geschrieben, ohne darauf zu achten, dass es bereits einen bekannten Autor gibt, der genauso heißt. Der wiederum wunderte sich, dass er plötzlich Reaktionen auf Geschichten bekam, die so ganz und gar nicht seinem Genre entsprachen. Letztendlich habe ich dann ein Pseudonym gewählt, das mir am Nächsten kam und so waren alle wieder glücklich.
Welches Genre bevorzugen Sie? Haben Sie einen Link, auf dem wir etwas über Ihr neuestes Werk erfahren können?
Nach meinen autobiografischen Erzählungen bin ich momentan beim Krimi gelandet. Mein Protagonist sitzt wie ich im Rollstuhl und tappt meistens durch Zufall oder Unachtsamkeit in seine Fälle hinein. Für mich ist sehr wichtig, wenn man sich beim Lesen entspannen und auch mal lachen kann. Ich habe auch eine Autorenseite: http://robertosastre.jimdo.com/
Wie verläuft Ihr kreativer Prozess? Was geschieht, bevor Sie sich hinsetzen und anfangen zu schreiben?
Ich sammle eigentlich ständig alles, was so um mich herum passiert. Wen man die Augen offen hält, dann erzählt das Leben einfach die besseren Geschichten. Anfangs hatte ich mehrere Dinge in Arbeit, damit ich alles, was so tagtäglich auf mich einstürmte, auch verarbeiten konnte. Dabei hätte ich aber fast wieder den Blick für das eigentliche Leben verloren. Also blieb mir nichts anderes übrig, als ein wenig vom Gas zu gehen. Es war leichter, als ich befürchtet habe. Wenn ich einmal in einer Geschichte drin bin, dann muss ich eigentlich nur noch schnell genug mitschreiben, was in meinem Kopf gerade passiert.
Welche sind für Sie die Hauptzutaten einer guten Geschichte?
Erst einmal natürlich die Geschichte selbst. Dann müssen die Figuren in der Geschichte glaubwürdig sein und authentisch rüberkommen. Ganz wichtig ist es für mich, das Ganze nicht zu ernst zu nehmen, schließlich ist es ja kein Sachbuch. Eine Geschichte soll unterhalten, soll die Leser für eine gewisse Zeit vom Alltag ablenken und in eine Fantasiewelt entführen. Humor ist ebenfalls unverzichtbar. Aber er darf nicht konstruiert sein, sondern muss einfach passieren. Das ist fast am Schwersten. Je leichter es am Ende aussieht, desto schwerer war der Weg dorthin. Naja - und eine kräftige Portion Liebe oder Erotik hat bisher auch noch keiner meiner Geschichten geschadet.
In welchen Schuhen fühlen Sie sich wohl? Erste Person oder dritte Person?
Am liebsten schreibe ich in der ersten Person präsens. Das hat für mich etwas Aktuelles, man ist sofort in der Geschichte drin. "Ich öffne die Tür und versuche, in der Dunkelheit dahinter etwas zu erkennen." Das liest sich doch gleich viel persönlicher, als: "Er öffnete die Tür und versuchte, in der Dunkelheit dahinter etwas zu erkennen." Aber mit Geschmäckern ist das so eine Sache, wie man in meiner Heimatstadt Frankfurt zu sagen pflegt.
Welche bekannten Schriftsteller bewundern Sie am meisten?
Das Idol meiner Jugend war natürlich Karl May. Dann kamen Isaac Asimov, Stanislav Lem und Komplizen dazu. Später war ich geradezu versessen auf Tom Clancy und Stephen King. Aber auch im Deutsch sprachigen Raum gibt es Autoren, die vielleicht nicht so bekannt sind und zum Teil einen ziemlich frischen Stil pflegen, wie Jordan Bay zum Beispiel oder Babara Wegener. Einige von ihnen können stilistisch locker mit meinen alten Idolen mithalten. Ganz vorne sehe ich da Gitta Edelmann, die es schafft, auch ohne Ströme von Blut fesselnd zu schreiben und natürlich H.L.Ween mit seiner klaren Schreibe und den herrlich krausen Handlungsbögen. Diese Renaissace, die gerade das geschriebene Wort erlebt, die begeistert mich ohnehin.
Was macht eine Person glaubhaft? Wie kreieren Sie Ihre Persönlichkeiten?
Ich kreiere sie überhaupt nicht. Ich beobachte Menschen, nehme ein paar Wesenszüge, schaffe eine Art roh geformte Figur und schaue, wie sie sich entwickelt. Das ist gerade bei mehreren Figuren zwar nicht ganz einfach, aber ungeheuer spannend. Durch die Interaktion mit den anderen Figuren entwickelt sich da eine gewisse Natürlichkeit, die den Figuren per se Authentizität verleiht, ohne dass ich als Autor groß eingreifen muss. Schließlich steht nirgendwo geschrieben, dass ein Autor bei der Arbeit keinen Spaß haben darf.
Sind Sie genauso gut darin, Geschichten mündlich zu überliefern?
Besser. Da kann ich direkt mit dem Publikum arbeiten, auf die Reaktionen eingehen. Es ist unglaublich, was sich dabei für Geschichten entwickeln. Ein Kollege meinte einmal, er sei möglicherweise in einem früheren Leben ein Geschichtenerzähler gewesen. Dem kann ich nur hinzufügen, wir sind Geschichtenerzähler - jetzt.
Für wen schreiben Sie in Ihrem tiefsten Inneren?
Keine Ahnung, ich schreibe einfach drauflos. Mal stelle ich mir mir ein paar Zuhörer vor, die im Kreis um mich herum sitzen und denen ich die Geschichte erzähle. Ein anderes Mal passiert die Geschichte und ich protokolliere einfach mit. Dann wieder schreibe ich einfach zu meinem Vergnügen.
Ist Schreiben eine persönliche Therapie? Sind interne Konflikte eine kreative Antriebskraft?
Das erste Buch war definitiv eine Therapie, um den furchtbaren Unfall und seine Folgen zu verarbeiten. Inzwischen schreibe ich, weil es mir ungeheuer viel Spaß macht, einfach Geschichten zu erzählen. Wer weiß, vielleicht schreibe ich ja irgenwann einmal, um meine Miete zu bezahlen?
Nutzt Ihnen der Feedback Ihrer Leser etwas?
Ja, ein dickes, fettes JA! Ich liebe es, die Reaktionen meiner Leser zu beobachten, bei Lesungen zum Bleistift, oder ihre Briefe und Mails zu lesen. Dieser Kontakt ist mir sehr wichtig und ich versuche auch, darauf einzugehen. So habe ich das Gefühl, nicht einfach aus meiner kleinen Kugel, die irgendwo schwebt, ins Blaue zu schreiben.
Präsentieren Sie sich bei Schriftsteller-Wettbewerben? Haben Sie schon einmal einen Preis gewonnen?
Bisher noch nicht, aber irgendwann bestimmt. Es ist doch herrlich spannend, in einem freundschaftlichen Wettbewerb gegeneinander anzutreten. Wobei ich das Freundschaftliche ganz weit oben ansetze. Wenn jemand mit dem Regelbuch in der einen Hand und einem Anwalt an der anderen Hand angetanzt kommt, dann bin ich der erste, der seine Kandidatur zurück zieht. Schließlich geht es darum, wer den spannendsten Handlungsbogen entwickelt oder das schönste Gedicht schreibt und nicht darum, wer sich den besten Rechtsverdreher leiten kann.
Welche Disziplin erlegen Sie sich selber auf in Hinblick auf Ziele, Zeiten, in denen Sie schreiben, etc.
Was den kreativen Prozess angeht, gar keine. Die Geschichte entwickelt sich quasi von selbst und ich schreibe sie auf, wenn mir danach ist. Ich hatte früher oft wochen-, manchmal monatelange Schreibblockaden, weil ich mich gezwungen habe, jeden Tag eine gewisse Zeit lang zu schreiben. Gehe ich es gelassen an, dann muss ich mich oft sogar zwingen, aufzuhören, weil das Leben um mich herum auch noch passieren will. Bei Korrekturläufen aus dem Lektorat versuche ich allerdings, noch vor dem Rückgabetermin abzuliefern, da werde ich zum Terrier, der sich regelrecht fest beisst.
Was umgibt Sie in Ihrem Arbeitszimmer, um Ihre Konzentration zu erhöhen?
Chaos.
Schreiben Sie auf dem Bildschirm, drucken Sie häufig Ihre Schriften aus, korrigieren Sie auf Papier...? Wie läuft der Prozess bei Ihnen ab?
Ich arbeite fast ausschließlich an zwei großen, hochauflösenden Bildschirmen. Auf einem habe ich meinen Text, auf dem anderen meine Quellen und die Rechercheregebnisse. Am nächsten Tag lese ich das, was ich geschrieben habe, noch einmal durch. Sollte es mir keinen Spaß machen, es zu lesen, dann lösche ich es rigoros und schreibe es nochmal. Zum Schluss lasse ich mir von meinem Computer das Ganze nochmal vorlesen. Das Programm verzeiht keinen Tippfehler und ist auch bei einem stockenden Schreibfluss knallhart.
Welche Websites besuchen Sie, um Erfahrungen auszutauschen oder Informationen zu erhalten?
Mein Verlag hat eine Diskussionsrunde in einem Internet-Forum eröffnet. Da tausche ich mich gerne mit meinen Kollegen aus. Vor Allem lässt es sich dort herrlich herumalbern. Selbst die Geschäftsleitung ist mit dabei und unterstützt es sogar noch. Für mich ist das eine prima Inspirationsquelle und der Ton untereinander ist herzlich und freundschaftlich. Klar sind wir alle irgendwo Mitbewerber, aber über unseren Erfolg, da entscheiden sowieso nicht wir, sondern unsere Leser. Deswegen müssen wir uns doch nicht spinnefeind sein. So können wir uns gegenseitig inspirieren, über Handlungsbögen diskutieren und uns auch helfen. Das alles müssen unsere armen Leser ausbaden, weil wir uns natürlich qualitativ gegenseitig hochziehen und immer mehr annähern. Aber bei den Preisen, die unsere E-Books haben, ist die Hoffnung nicht verloren, dass unsere Leser sich gar nicht entscheiden, sondern einfach alles lesen, was ihnen Spaß macht.
Welche Erfahrung haben Sie mit Verlagen gemacht?
Als ich mit meinem ersten Print-Buch hausieren ging, kamen 99% der Antworten von Kostenzuschußverlagen. Deren Katalogmaterial war zum Teil schon schwer beeindruckend. Ich habe mich aber entschieden, bei einem On-Demand-Verlag zu veröffentlichen, auch die beiden folgenden Bücher. Dann interessierte sich mein jetziger Verlag, die Chichili-Agency, für mich. Hier erlebe ich, dass sich Professionalität, Vertrauen und Herzlichkeit sehr gut miteinander vertragen. Für mich ist das in der heutigen Zeit etwas Besonderes und ich bin froh, dabei sein zu dürfen.
An welchem Projekt arbeiten Sie momentan?
Momentan arbeite ich an mehreren Fachskripten, eines über mein Lieblingsthema, der Kryptographie. Meine Kolumne auf der Webseite unses Selbshilfeverbandes ist ein anderes Lieblingskind von mir: http://www.mobil-mit-behinderung.de/content/pages/kolumne.htm Last but not Least habe ich natürlich auch ein Buch am Köcheln, den zweiten Band über einen Rollstuhl fahrenden, etwas tollpatschigen Privatermittler.
Was raten Sie mir, was ich mit all diesen Texten machen soll, die ich seit Jahren schreibe, aber noch nie jemandem gezeigt habe?
Durchlesen, das woran Sie immer noch Spaß haben zur Seite legen, den Rest nochmal schreiben und dann das Ganze meinem Verleger geben.
 





© Roberto Sastre
Web-Adresse dieses Interviews:http://www.whohub.com/robertosastre

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