Interview mit:Jutta Miller-Waldner [schreiblabor]
SCHREIBEN
 | Wie haben Sie angefangen, zu schreiben? Wer hat Ihre Texte damals gelesen? Ich habe mit elf Jahren mein erstes Kinderbuch begonnen und immerhin zwanzig Schreibheftseiten geschafft. Gar nicht mal so schlecht, wenn ich es heute lese. Gelesen hat es aber nur meine Mutter |
 | Welches Genre bevorzugen Sie? Haben Sie einen Link, auf dem wir etwas über Ihr neuestes Werk erfahren können? |
 | Wie verläuft Ihr kreativer Prozess? Was geschieht, bevor Sie sich hinsetzen und anfangen zu schreiben? Das ist ganz unterschiedlich. Oft werde ich von Fragen zum Beispiel auf Xing oder wer-weiss-was.de inspiriert. Bei Gedichten genügt manchmal ein Wort. |
 | Welche Art Lektüre aktiviert in Ihnen die Lust, zu schreiben? Eigentlich keine. Wenn ein Buch gut ist, werde ich fast neidisch, weil ich so nie schreiben könnte. |
 | Welche sind für Sie die Hauptzutaten einer guten Geschichte? Ein Beginn nach dem Motto "Schreiben Sie den ersten Satz so, dass der Leser unbedingt den zweiten lesen will" (William Faulkner), in dem das Ende der Geschichte aufblitzt, und ein überraschender Schluss. Glaubhafte Charaktere. – Die Einhaltung der sechs großen W's: Wer hat etwas getan (erlitten, erlebt)? Was hat er getan? Wo hat er es getan? Wann hat er es getan? Wie hat er es getan? Warum hat er es getan? – Die drei großen K: Kürzen, Kürzen, Kürzen. – Nur das einbringen, was für den Text wichtig ist (gemäß Tschechows Anweisung: "Wenn ein Gewehr an der Wand hängt, muss es auch schießen"). – Mit allen sechs Sinnen schreiben: Der Autor fasst Farben, Geräusche, Gesten – die Bilder, von denen er erfüllt ist – in Sprache, um im Leser Bilder entstehen zu lassen und Erinnerungen und Vorstellungen zu wecken. Oder, wie Hoffmannsthal sagt: "Schildern willst du den Mord? So zeig mir den Hund auf dem Hofe: / Zeig mir im Aug von dem Hund gleichfalls den Schatten der Tat." – Die goldene Regel "Zeigen, nicht erzählen", die nicht erst Sol Stein mit seinem "Show, don't tell" erfunden hat, sondern die schon Homer beherzigte: Alles, was der Leser hören, fühlen, riechen, schmecken und ertasten soll, so in Bewegung umsetzen, dass die Geschichte nicht blutleer bleibt. – Der doppelte Boden, wie Marcel Reich-Ranicki sagt, also das, was zwischen den Zeilen steht. Und natürlich und vor allem die Sprache mit all ihren Zaubermittelchen der Rhetorik. |
 | In welchen Schuhen fühlen Sie sich wohl? Erste Person oder dritte Person? Meistens in der dritten Person. Auch wenn ich in der ersten Person schreibe, bin ich vorher in eine andere Person geschlüpft. |
 | Welche bekannten Schriftsteller bewundern Sie am meisten? Max Frisch, dessen Stil mich beenflusste, Philip Roth, vor allem aber John Irving, bei dem man am besten lernt, wie man einen guten Roman schreibt. |
 | Was macht eine Person glaubhaft? Wie kreieren Sie Ihre Persönlichkeiten? Das kann ich schlecht sagen. Da ich keine Romane schreibe, kreiere ich auch keine Figuren. Sie entstehen aus dem Schreiben heraus. |
 | Sind Sie genauso gut darin, Geschichten mündlich zu überliefern? Leider nein. |
 | Für wen schreiben Sie in Ihrem tiefsten Inneren? Für niemanden. Ich schreibe, weil ich schreiben muss. |
 | Ist Schreiben eine persönliche Therapie? Sind interne Konflikte eine kreative Antriebskraft? Zur 1. Frage: Nein. Zur 2. Frage: Bei Gedichten ja. Bei anderen Texten nein. |
 | Nutzt Ihnen der Feedback Ihrer Leser etwas? Ja natürlich. Aber bitte keine Floskeln wie "Die Geschichte ist schön". |
 | Präsentieren Sie sich bei Schriftsteller-Wettbewerben? Haben Sie schon einmal einen Preis gewonnen? Ja, ich nehme an solchen Wettbewerben teil und habe einen ersten Preis sowie diverse Anerkennungspreise gewonnen. Außerdem wurde ich schon öfter in Preisträgeranthologien aufgenommen. Solch ein Preis ist eine Bestätigung, dass man nicht nur für die Schublade schreibt, und motiviert zum Weiterschreiben. Und in der Vita macht er sich auch gut. Allerdings sollte man sich von dem Gedanken verabschieden, dass man nun automatisch berühmt |
 | Zeigen Sie Ihre Manuskripte einer vertrauten Person, um ihre Meinung zu hören? Nur Menschen, die die Texte fachlich beurteilen können. Vertraute Personen finden alles gut, was ich so schreibe. Das nutzt mir nichts. |
 | Glauben Sie, Ihre "eigene Stimme" bereits gefunden zu haben, oder ist man ewig auf der Suche nach ihr? Ja, ich habe meinen Stil gefunden. Obwohl er unterschiedlich ist, je nachdem, was ich schreibe, ob es eine Kurzgeschichte, eine Kindergeschichte oder ein Fachbeitrag ist. |
 | Welche Disziplin erlegen Sie sich selber auf in Hinblick auf Ziele, Zeiten, in denen Sie schreiben, etc. Nein, das mache ich nicht. Ich schreibe aber generell soviel, dass ich mir keine besonderen Zeiten dafür vornehmen muss. |
 | Was umgibt Sie in Ihrem Arbeitszimmer, um Ihre Konzentration zu erhöhen? Nix. Ich brauche so etwas nicht. Wenn mich etws gepackt hat, lasse ich mich nicht ablenken. |
 | Schreiben Sie auf dem Bildschirm, drucken Sie häufig Ihre Schriften aus, korrigieren Sie auf Papier...? Wie läuft der Prozess bei Ihnen ab? Fiction schreibe ich auf Papier und später in den Computer, weil ich den Stift in der Hand und das weiße Blatt Papier vor mir brauche. Non-Fiction schreibe ich nur per Computer. Ich recherchiere auch sehr viel, so dass es anders nicht ginge. Ich drucke nur einmal aus und korrigiere auf Papier. |
 | Welche Websites besuchen Sie, um Erfahrungen auszutauschen oder Informationen zu erhalten? In speziellen Schreibforen bin ich nicht unterwegs. Ansonsten google ich sehr viel und lande auf vielen Seiten und von dort aus auf viele Seiten und von dort aus … |
 | Welche Erfahrung haben Sie mit Verlagen gemacht? Hm. Als ich anfing Gedichte zu schreiben, dachte ich, ich werde berühmt. Aber da war der Gedichte-Boom gerade vorbei. Kurzgeschichten werden auch nicht gedruckt. Mein Kinderbuch ist nicht pädagogisch genug. Ich habe allerdings kaum mal was eingeschickt, weil ich die Absage fürchte. |
 | An welchem Projekt arbeiten Sie momentan? |
 | Was raten Sie mir, was ich mit all diesen Texten machen soll, die ich seit Jahren schreibe, aber noch nie jemandem gezeigt habe? Es ist natürlich die Frage, warum Sie die Texte (ich gehe mal davon aus, dass es Geschichten sind) plötzlich aus der Schublade hervorholen möchten. Weil sie dort nicht verschimmeln sollen? Auf jeden Fall gehört Mut dazu, sie nach all den Jahren jemandem zu zeigen. Aber wenn Sie diese Hürde überwunden haben, dann schauen Sie sich in der Literaturszene um. Werden Sie Mitglied einer Autorengemeinschaft. Veranstalten Sie Lesungen. Abonnieren Sie Literaturzeitschriften. Versuchen Sie, Ihre Texte in Literaturzeitschriften oder Anthologien zu veröffentlichen, beteiligen Sie sich an Literaturwettbewerben und suchen Sie eine Schreibgruppe in Ihrer Nähe, um sich auszutauschen und Schreibanregungen zu erhalten. Über Lesemöglichkeiten, Ausschreibungen für Anthologien und Literaturwettbewerbe können Sie sich auf meinem Blog http://juttas-schreibblog.blogspot.com/ informieren. Schauen Sie sich in Internetforen um.
Wenn Sie allerdings Geld mit Ihren Texten verdienen möchten, muss ich Sie enttäuschen. Literaturzeitschriften leben vom Engagement der Herausgeber und von den Abonnenten. An Verlage, die für Anthologiebeiträge Honorar zahlen, kommt man kaum ran. Bei anderen Anthologien hat man Glück, wenn man überhaupt ein Freiexemplar bekommt. Aber davon sollte man sich nicht abhalten lassen. Irgendwie muss man sich ja einen Namen machen.
In einen Blog oder anderswo im Internet würde ich die Geschichten nicht einstellen, weil sie dann als gedruckt gelten, was bei Literaturwettbewerben ein Nachteil ist. Dort werden meist nur unveröffentlichte Texte gesucht.
Ob sich ein Verlag meldet, steht auf einem anderen Blatt. Aber es macht auch zufrieden, wenn man in Anthologien oder Literaturzeitschriften veröffentlicht wird und vielleicht auch einen Preis bei einem Wettbewerb gewinnt oder zumindest in die Preisträgeranthologie aufgenommen wird. |
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494 Besuche Whohub [schreiblabor] Jutta Miller-Waldner Berlin, Germany
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