Interview mit:Andreas Sczygiol [sczygiol]
PSYCHOLOGIE
 | Auf welchem Gebiet sind Sie in der Psychologie tätig? Ich arbeite psychotherapeutisch in zwei Bereichen: In meiner Praxis vor allem mit Paaren und Familien, was auch Kinder miteinschließt. Und in einer Klinik mit erwachsenen Schmerzpatienten im Einzelsetting. Da geht es dann wirklich um ernste psychische Erkrankungen wie Depressionen, posttraumatische Erkrankungen, Sucht usw., die im Gefolge der Schmerzen oder manchmal auch als Auslöser der Schmerzen eben vorkommen. Natürlich auch viel Krisenintervention. In der Paar- und Familientherapie geht es manchmal auch um Erkrankungen, aber natürlich vor allem um Kommunikation, Beziehungskonflikte, Erziehungsfragen und solche Dinge. Neben meiner eigenen praktischen Tätigkeit arbeite ich außerdem noch in der Lehre und leite ein Institut an dem wir Paartherapeuten ausbilden. |
 | Welche Art von Kunden behandeln Sie? Als Systemischer Therapeut arbeite ich vor allem mit Paaren, Familien und mit Kindern im Zusammenhang mit ihren Eltern. Die systemische Therapie ist aber auch ein wissenschaftlich anerkanntes Verfahren für die Einzeltherapie. Ich arbeite also auch mit Erwachsenen. Ich mag diese Vielseitigkeit. Früher hätte ich gesagt: "Das geht gar nicht.", aber es geht doch. |
 | Gibt es eine Website, wo wir etwas über Sie erfahren können? Ja, sogar zwei. Meine Praxis findet man unter www.systemische-therapie-seefeld.de und unter weiterbildung-paartherapie.de das Institut für Paar- und Familientherapie München. |
 | Welche Methode wenden Sie an? Können Sie kurz erklären, auf welchen Prinzipien sie basiert? Ich habe als Therapiemethode die Systemische Therapie gelernt und mich in anderen Methoden fortgebildet. Was "systemisch" eigentlich genau bedeutet, ist nicht so leicht zu sagen. Ursprünglich entwickelte sich der Ansatz aus der Familientherapie. Und seit diesen Anfängen, ist dem systemischen Denken sicher zu eigen, dass Menschen immer auch abhängig von ihrem Kontext gesehen werden. So behandele ich zum Beispiel Kinder normalerweise nur mit ihren Eltern, weil ich diese von wenigen Ausnahmen abgesehen als die wichtigste Ressource sehe, die ein Kind, das in Schwierigkeiten ist, haben kann. Aber das ist nur ein Aspekt. Ich würde außerdem sagen: Systemische Therapeuten haben eine tiefe Achtung vor der Selbstbestimmtheit der Menschen und auch ihrer Fähigkeit, als Experten ihrer selbst ihr Leben prinzipiell gut zu gestalten. Systemische Therapeuten schauen mindestens so genau auf die Kompetenzen und Möglichkeiten einer Person wie auf die Probleme. Es ist eine sehr optimistische und auch kreative Therapieform, die oftmals gerade da Hoffnung ermöglicht, wo eigentlich alle am Ende sind. Und ein zentrales Wort ist Würde. Gerade dort, wo Menschen sehr krank sind, in tiefen Schwierigkeiten stecken, manchmal auch gar nicht ganz freiwillig in Therapie kommen, da stellt sich die Frage der Würde ganz besonders. Und ich denke, dass ist eine echte Stärke guter systemischer Therapeuten. |
 | Wie überragend ist heutzutage Freud? Es ist eigenartig, den diese Frage höre ich fast häufiger, als die nach meinem Arbeitsfeld. "Wie denken Sie über Freud?" Meistens wird die Frage mit leichtem Spott gestellt, in der Erwartung, dass man sagt: "Das ist natürlich alles Unsinn." Ich bin kein Freudianer und ich halte die Psychoanalyse für ein Verfahren, das in seiner Reinform nicht mehr dem Stand des heutigen Wissens entspricht. Aber ich bewundere Freud. Er war ein mutiger und er war ein kluger Mann, der die Welt ein wenig verändert hat. Dass vieles heute überholt ist, das ist in jeder anderen Wissenschaft vergleichbar. Newton wird auch als bedeutender Mann gesehen und doch sind wir heute weiter. Wenn man aber bedenkt, auf welches Wissen Freud zurückgreifen konnte, wenn man bedenkt, dass natürlich auch er ein Kind seiner Zeit war und wenn man schließlich sieht, wie faszinierend nah er dem teilweise kam, was uns heute die Neurowissenschaften lehren, dann ist das genial. Nehmen wir zum Beispiel die Dominanz des Unbewussten. Damals eine unerhöhrte Aussage! |
 | Gibt es eine einfache Methode, damit eine Person Stress und Beklemmung ablegen kann? Vermutlich würden viele hier mit Ja antworten. Ich glaube es aber nicht. Wenn Stress behandlungsbedürftig wird, dann gibt es da meines Erachtens keine schnelle und einfache Methode und erst recht keine, die dann auch nachhaltig wäre. Als Systemiker betone ich in Bezug auf Stress natürlich, dass es vor allem unsere eigene Sicht der Wirklichkeit ist, die uns "stresst". Epiktet schrieb ja, es seien nicht die Dinge ansich, die uns beunruhigen. Und wir sagen ja: Schönheit liegt im Auge des Betrachters. Aber Stress eben auch. Ich denke, dass diese Idee auch durch die Ergebnisse der Neurowissenschaften belegt wird und in der Verhaltenstherapie wird sie ja schon seit der kognitiven Wende in den 70ern angewandt. Aber diese Brille mit der wir die Dinge anschauen zu verändern, ist wirklich nicht leicht. Und wir müssen auch differenzieren: Es gibt Menschen, die so stark durch ihren Stress erkrankt sind, dass sie nie mehr ganz in die Spur kommen. |
 | Depressionen sind heutzutage fast eine Epidemie. Was läuft auf der sozialen Ebene schief? Auf die Gefahr hin, dass ich mir mit dieser Antwort keine Freunde mache: Wir wissen nicht, ob es diese Epidemie wirklich gibt. Wir wissen nur, dass viel mehr Depressionen behandelt werden als früher. Das ist aber gut mit besserer Ausbildung der Diagnostiker und mehr Aufklärung in der Bevölkerung erklärbar. Die nüchterne Wahrheit ist, dass wir es nicht wissen, ob die Zahlen zunehmen oder nicht. Ich möchte mich auch hüten vor einfachen Kausalketten. Ich wundere mich immer über die Aussagen, dass die Zeiten immer schieriger würden. Wenn ich an das Leben meiner Großeltern denke, drängt sich mir diese Sichtweise nicht gerade auf. Und sind wir doch mal ehrlich: Es ist ein bedeutender Markt rund um Burnout und rund um Psychopharmaka. Die eigentlich unbewiesene Behauptung, die Erkrankungen seien auf dem Vormarsch, ist also auch Marketing. Ich möchte sagen: Auch unsere Zeit hat ihre Herausforderungen und sie hat ihre Überforderungen. Ich kann mir gut vorstellen, dass es diese "wachsende Komplexität" gibt und ich sehe natürlich, dass sich am sozialen Gefüge einiges ändert. Ich kritisiere auch durchaus die Art und Weise, wie Menschen in Konzernen als Kapital entwürdigt werden. Aber ob das jetzt schlimmer ist, als nicht zu wissen, was und ob man morgen essen wird, oder ob die Kinder aus dem Krieg heimkommen usw., das weiß ich nicht. Ich möchte mich darauf konzentrieren, den Menschen die mit ihrem Leiden an unserer Zeit zu mir kommen, Unterstützung zu geben - und die Gesellschaftsanalysen anderen zu überlassen. |
 | Woraus besteht das Phänomen der Verliebtheit? Gibt es Heilung dafür? Wieso Heilung? Um nichts in der Welt möchte ich diese Zeiten meines Lebens missen, in denen ich verliebt war! Da gibt es meines Erachtens gar nichts zu heilen. So lange man dem Zustand der "hormonellen Trunkenheit" nicht süchtig verfällt, so lange man nicht glaubt, er sei die einzig legitime Form der Beziehung, sehe ich da beim besten Willen kein Problem. Und wissen Sie: Oft wird ja gesagt, nach einer Phase der "Rosa-Brille" würde man jetzt klar sehen und wieder bei Verstand sein. Das ist ja aber ein gründliches Missverständnis. Man sieht nie klar. Man sieht nur anders. Man tauscht die Farbe der Brille, von rosa, zu grau und vielleicht irgendwann zu schwarz. Aber diese Objektivität gibt es ja nicht, die wir immer suchen. Und für mich ist die rosa Wirklichkeit defintiv einer der schönsten. |
 | Welche Zauberformel gibt es, um gute persönliche Beziehungen zu unterhalten? Wenn ich die wüsste, wäre ich vermutlich ein sehr reicher Mann. Jenseits von Zauberformeln aber stellt sich die Frage natürlich, was gute Beziehungen brauchen. Ich möchte etwas sagen, das vielleicht sehr banal klingt: Sie brauchen Pflege. Wir verändern uns und die Beziehungen tun es. Eine Beziehung, sich selbst überlassen, trocknet aus. Ich denke, es ist auch hilfreich, die eigenen Bedürfnisse zu kennen und zu sehen, dass der andere auch welche hat. An Selbstlosigkeit in Beziehung glaube ich nicht. Ich glaube auch nicht an die Formel: Sei Dir selbst genug. Wir haben Bedürfnisse und denen sollten wir tunlichst einen guten Platz in unserem Leben und auch in unseren Beziehungen einräumen. Soziale Kompetenz besteht letztlich dann darin anzuerkennen, dass andere eben auch Bedürfnisse haben und auch sie zu Recht einen angemessenen Platz für ihre Bedürfnisse suchen. Ich denke, mit diesen Ideen kommt man schon ziemlich weit. |
 | Welche neuen Tendenzen im Bereich der Psychologie wecken in Ihnen das größte Interesse? Methodisch finde ich die "Narrative Therapie" wie sie Michael White entwickelt hat, mit der Externalisierung von Problemen, ganz bedeutsam, obwohl das ja nicht mehr völlig neu ist. Es ist eine wunderschöne Methode, nicht nur in der Arbeit mit Kindern! Vor allem aber interessieren mich Richtungen, die therapeutisches Handeln mehr auf Wissen als auf Glauben gründen. Ich halte die Arbeiten von Professor Klaus Grawe für epochal und begrüße jede Psychotherapieforschung. Leider ist es angesichts der Ergebnisse manchmal nicht leicht, die Qaulität der Studien wirklich zu beurteilen. Vieles kommt als "pseudo-wissenschaftlich" daher. Es ist für mich aber eine ethische Frage, Menschen mit Problemen und Erkrankungen nur so weit mit Glauben zu behandeln, wie mir kein Wissen zur Verfügung steht. |
 | Gibt es Bücher, die Sie empfehlen, damit wir besser uns selber verstehen? Ja. Gute Romane. Ratgeber haben mir zu viele Nebenwirkungen. |
 | Ein einfaches Rezept, um glücklich zu sein. Da dürfen Sie keinen Therapeuten fragen. Wir verstehen, wenn wir ehrlich sind, wenig vom Glück. Wir verstehen etwas von Gesundheit und wir verstehen etwas von guten Beziehungen. Aber Glück? Das gibt es nicht als seriöses Therapieziel. |
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